Welchen Nutzen hat die navigierte transkranielle Magnetstimulation in der präoperativen Diagnostik bei Hirntumoren?

Die Auslösung von Muskelzuckungen durch Stimulation des motorischen Kortex mittels transkranieller Magnetstimulation (TMS) wird in der Neurologie bereits seit Mitte der 1980er Jahre routinemäßig diagnostisch genutzt. Der Berliner Neurochirurg Dr. Thomas Picht wurde im Jahr 2005 auf diese Diagnostikmethode aufmerksam. Erstmals setzte er 2006 die navigierte transkranielle Magnetstimulation (nTMS) in der präoperativen Diagnostik bei Hirntumoren ein. Dank der Förderung durch die Berliner Krebsgesellschaft konnte die Neurochirurgische Klinik der Charité den Magnetstimulator MAGSTIM 200 im Wert von knapp 17.000 Euro anschaffen. Kombiniert mit einem eigenen Navigationssystem der Klinik liefert das Gerät eine topographische Analyse der Beziehung zwischen motorischen Hirnarealen und dem jeweiligen Tumor. Somit ist das Verfahren eine wichtige Hilfe, Hirntumore bei gleichzeitiger optimaler Schonung funktioneller (eloquenter) Areale möglichst vollständig zu entfernen.

Bei der TMS wird über den Schädel des Patienten eine Magnetspule gehalten. Durch diese Spule wird für den Bruchteil einer Sekunde ein Stromimpuls geleitet. Reizt man mit dieser Methode den motorischen Kortex, also die Hirnregion, die für die Ansteuerung der Muskeln zuständig ist, so kommt es zu einer kurzen Muskelzuckung. Die betroffenen Hirnareale sowie die entsprechenden Faserbahnen (Nervenverbindungen im Gehirn) werden auf dem Bildschirm farblich markiert und die Bilder in das Navigationssystem überspielt. So erhält der Neurochirurg praktisch eine Landkarte, wo die funktionell wichtigen Areale im Bezug zum Hirntumor liegen. Diese Aussagen sind für die Operationsplanung von entscheidender Bedeutung, da sich mit ihrer Hilfe sehr genau das Risiko bleibender Lähmungen vorhersagen lässt. Außerdem sind sie eine wichtige Navigationshilfe für den Neurochirurgen während der Operation, da er sich fortwährend an den Bildern orientieren und so schonend operieren kann. Postoperativ im Falle von Lähmungen angewendet erlaubt das Verfahren, Aussagen über das Rehabilitationspotenzial treffen zu können.

Mit Hilfe der nTMS lässt sich eine wesentlich bessere und genauere präoperative Diagnostik durchführen als mit der funktionellen Bildgebung, die bislang als Gold Standard in diesem Bereich galt. Daher setzen die Berliner Neurochirurgen das Verfahren seit 2006 routinenmäßig bei Patienten mit Hirntumoren in der präoperativen Diagnostik ein – und sind damit weltweit Pionier.

Unterdessen hat das inzwischen sechsköpfige Team unter Leitung des Chefarztes Prof. Peter Vajkoczy - in enger Zusammenarbeit mit Neurologen des Charité Campus Mitte - das Verfahren stetig weiterentwickelt. Das erste TMS-Gerät wurde durch ein wesentlich leistungsstärkeres ersetzt. Mit Hilfe der neuen Technik können die Neurochirurgen noch präzisere Aussagen über mögliche Folgeschäden einer Tumorentfernung treffen und auch die für die Sprache zuständigen Hirnareale lokalisieren. Für die Patienten wie auch die Ärzte ist das schmerzfreie Verfahren zu einer wichtigen Entscheidungshilfe geworden. So wurde bei etwa 55 Prozent der Patienten aufgrund der neuen Diagnostikmöglichkeit die OP-Strategie geändert, bei vier Prozent wurde auf die Operation gänzlich verzichtet, weil das Risiko für Folgeschäden zu groß gewesen wäre. Mittlerweile wird nTMS an zehn deutschen – zumeist Universitätskliniken zur präoperativen Diagnostik bei Hirntumoren eingesetzt und auch in den USA ist das Interesse an der Pionierleistung der Berliner Wissenschaftler erwacht. Mit ihrer Forschungsförderung hat die Berliner Krebsgesellschaft den Grundstein für diese wichtige Entwicklung in der Neurochirurgie gelegt.

Im Zuge ihrer Arbeit mit nTMS konnten die Berliner Neurochirurgen noch weitere Anwendungsmöglichkeiten entdecken. Seit 2010 setzen sie das Verfahren auch zur Diagnostik von Mangeldurchblutung im Gehirn ein. Potenzielle Schlaganfallpatienten können so identifiziert und durch anschließende Bypass-Operation vor einem Schlaganfall bewahrt werden. Überdies wendet das Berliner Team das Verfahren in der Schmerztherapie erfolgreich an und plant eine Ausweitung auf die Behandlung von Tinnitus. Auch auf diesen Gebieten sind die Berliner Neurochirurgen Pionier.

Beatrice Hamberger
Pressestelle
Berliner Krebsgesellschaft e.V.


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